Hervorgehoben

Packt is!

Der Rucksack ist gepackt. Nur 7,9 kg, allerdings ohne Wasser und Wanderschuhe. Aber die trage ich ja an den Füßen. Und Essen kommt noch dazu – für die lange Zufahrt von Altenberge bis Bayonne. Aber da wandert das Gewicht auch zügig in das Körperinnere.

Ich freue mich schon, dass es endlich losgeht.

Ach ja, mein Büro ist aufgeräumt. Das war an der Zeit. Jetzt muss ich noch mein inneres Chaos aufräumen.

Fernseh- Tipp a

Sehe (dank Hinweis in einem Pilgerforum) gerade, dass heute am Reformationstag beim Hessischen Rundfunk (Fernsehen) um 21 Uhr eine Doku läuft. Mal gucken…

Kilo gegen Meter – Abnehmen auf dem JakobswegEin Film von Monika Birk

Kilo gegen Meter

Es ist nicht lange her, da brauchte Ulrike S. wegen ihres extremen Übergewichtes einen Rollator zur Fortbewegung, sie wog 166 Kilogramm. Dank einer Magenoperation konnte sie 30 Kilogramm abnehmen, aber noch immer hat sie knapp zehn Kilogramm zu viel auf den Rippen. Trotzdem will sie jetzt einen Teil des Jakobswegs gehen, 109 Kilometer in neun Tagen.

Ihr seht, der Weg lässt mich noch nicht los. Wir gehen jeden Tag 10.000 Schritte.

In den Baumbergen

Vorgestern habe ich eine erste eigene Tortilla gemacht (mit Daniels Hilfe ☺️).

Und Wein aus dem Bierzo habe ich per Post erhalten…

Danke an meine Blogleser*innen

Nun bin ich am Ende. Das Fazit ist geschrieben (und aktualisiert). Ich danke allen, die mich lesend begleitet haben. Einige haben kommentiert oder in einer Kirche eine Kerze für mich angezündet oder meinen Weg auch in ihr Nachtgebet aufgenommen. Einige auch mitgelacht und mitgeheult.

Danke!

Ihr habt mir damit geholfen, über das Erlebte nachzudenken, es wie in einem Tagebuch festzuhalten und mich doch mitzuteilen. Danke für das Erdulden der vielen Fehler, wenn das Huawei-Korrekturprogramm wieder einmal unbemerkt eingriff. Alles hier ist mit dem rechten Zeigefinger auf meiner Smartphone-Tastatur geschrieben.

Wenn sich jemand ermutigt fühlen sollte, sich selbst einmal aufzumachen und einen der vielen alten Pilgerwege zu gehen, dann wäre ich der glücklichste Mensch. Lasst es mich wissen.

Jede*r hat sein/ihr Päckchen zu tragen, nicht mehr als 8 Kilo aber! Und jede geht ihren eigenen Weg.

Fazit? Fazit ja! Aber doppelt

Die erste Frage, die man bei der Registrierung von den ehrenamtlichen Helfer*innen gestellt bekommt, ist die Frage, aus welchem Motiv man den Camino macht. Dann kriegt man drei (oder, wenn man sportlich und „anderer Grund“ unterscheidet, vier) Antworten zur Auswahl. Es ist wie bei Michael Schanze damals: „1, 2 oder 3 – Du musst dich entscheiden“. Religiös, spirituell oder anderes. Am Ende fragen sie das nochmal, also hat man zwischendrin zwischen 28 und 32 Tage lang Zeit, sich Gedanken zu machen. Die Unterscheidung zwischen spirituell und religiös finde ich ja sowieso fraglich, aus professionell-theologischen Gründen, aber ich weiß schon, dass damit aus römisch-katholischer Sicht „kirchlich orientiert“ und „eher esoterisch/selbstfindungs-orientiert“ gemeint ist. Dann nehme ich das jetzt mal ernst ziehe ein (selbst-) kritisches Fazit. Ich fange mit dem Problematischen an, werde aber das für mich Rundumpositive am Ende nicht auslassen. Bevor es losgeht, ein erstes Fazitbild, eigentlich mein zentrales.

Derangiert und doch wegweisend

Irrweg Jakobsweg

Bei aller Begeisterung über den Weg, gerade auch als Weg des friedlichen Miteinanders von Pilgernden aus allen Ländern und Kontinenten, kann ich nicht umhin, auch die Schattenseiten zu sehen. Und das hat mit der Verehrung des Apostels Jakobus d. Ä. Selbst zu tun, vor dessen Reliquienschrein in Santiago in der Krypta der Kathedrale ich stand.

Nach einer Stunde Schlange stehen kann man den Schrein von Jakob sehen

Dass Jakobus als einer der ersten Jünger Jesu Spanien besucht haben soll und das Evangeliumpredigte, gefällt mir als Vorstellung. Dass sein Leichnam dort auf einem mannschaftslosrn Boot an Land gegangen und in Spanien begraben sein soll, finde ich eine berührende Legende. Aber wie er, der die Bergpredigt mit eigenen Ohren gehört haben soll, für religions-, militärisch und staatspolitische Zwecke missbraucht wurde, ist für mich immer noch empörend. Die Zentrallegende ist, dass Jakobus im Jahr 844 in der Schlacht von Clavijo auf der Seite der Christen gegen die Mauren eingegriffen haben soll, indem er als berittene Erscheinung die Mauren, also muslimischen Truppen metzelte. Die Legende wurde besonders im 11. und 12. Jahrhundert genutzt und ließ sich bestens auch in der Zeit der Reconquista weiter verzwecken. Das kam den Herrschaftsinteressen der Kirche sehr zugute. Wenn im Informationsheft des Pilgertouristenbüros die Zeit der Reformation als bedrohliche Krise des Pilgerwesens beschrieben wird, ist das kirchliche Eigeninteresse noch immer zu wittern.

I’m Kathedralmuseum und an vielen Orten zu sehen: der Maurenschlächter

Dass die Schlacht von Clavijo nie stattfand und die killermaschinenhafte Erscheinung des Apostels schlicht Propaganda war, sollte in Zeiten von Fake-News, alternativen Fakten, Anti-Semitismus und Islamophobie zu denken geben. Die Geschichte des Jakobsweges sollte besonders auch heute kritisch aufgearbeitet – und zwar öffentlich für die heutigen Pilgernden – werden. Denn es sind auch Juden und Muslime auf dem Weg unterwegs.

Für einen Protestanten wie mich ist es eine sehr eigene Erfahrung zu erleben, dass „religiös“ hier synonym mit „römisch-katholisch“ gebraucht wird. Ökumene wird sporadisch angedeutet, bei den Highlights der neueren Herbergsbewegung. Aber Ökumene kann man nicht einfach erwarten, man muss auch was dafür tun. Ich habe wahrscheinlich nicht genug hingesehen, aber Präsenz der weltweiten Konfessionsfamilie habe ich nicht entdeckt. Wenn man aber von den Pilgernden aus denkt, dann wäre ein ökumenisches, konfessionsverbindendes Angebot sinnvoll und würde auch angenommen.

Beachtlich ökumenische Heiligengallerie in der Gemeindekirche von Hontanas, sogar Martin Luther!

I have found, what I wasn’t looking for: wenig gesucht, viel gefunden

Man sagt, wer nach Rom Pilger, mache sich auf den Weg zum Papst; Wer nach Jerusalem Pilger, mache sich auf den Weg zu Jesus. Wer aber nach Santiago de Compostela Pilger, begebe sich auf den Weg zu sich selbst.

Da ist schon etwas dran. Zumindest lernt man Leistungsvermögen und -grenzen des eigenen Körpers sehr gut kennen. Manchmal schmerzen Muskeln und Gelenke, derer man sich gar nicht bewusst ist. Man lernt die Füße, Hüften und Schultern richtig zu lieben – denn sie tragen viel und freuen sich über ein Wellnessprogramm zwischen Eincremen und Massieren.

Rest my feet!
Verlass dich auf den Weg, er führt zur Mitte

Ich war gespannt, welche Themen, welche Stolpersteine, welche Brocken mich beschäftigen würden. Aber da gab es nichts, woran ich hätte arbeiten müssen. Es gab keine Brocken. Auch die Trauer im meinem Leben hat mich nicht mehr als belastend eingeholt, sie ist Teil meines Lebens, aber keine Aufgabe mehr. Das war gut zu spüren. Tod und Verluste sind nicht mehr (be)herrschend.

Death will not prevail!

Das Leben ist viel wichtiger. Ein Leben ohne Emails, Arbeitsanrufe und stetige Erreichbarkeit. Frau Rüdiger, meine beherzt Mitarbeiterin, hat mir die ganzen Wochen den Rücken freigehalten. Notfälle hat sie mir mitgeteilt – und das hat funktioniert. Nur am Ende der ersten Woche hatte ich das Bedürfnis, nach Mails zu schauen – und dann habe ich ohne das Leben können. Danke an ein tolles Team zuhause!

Zum Leben gehört die Freude am Leben. Katha, meine Patentochter hat mir in der vierten Woche eine SMS geschickt, die zu denken gab, und mir dann mein Gefühl der Lebensfreude neu bewusst machte und vertiefte.

In Verbindung sein ist das Zentrum echter Spiritualität

Ich habe beim Pilgern eine geradezu kindliche Lust und Freude am Entdecken, Gedanken Austauschen, Staunen und Genießen gespürt wie lange nicht. Jeden Morgen aus den Federn (Daunenschlafsack! Aus gänsefreundlicher Produktion natürlich!), Sternenhimmel gucken (Sternschnuppen, – Bilder und UFOs!), sich am Sonnenaufgang nicht sattsehen können, vor dem ersten Kaffee schon 10. 000 Schritte – all das war jeden Morgen neu und Motivation.

Westward bound!

Ich hatte Lust dazu, keine Erwartungen erfüllen zu müssen, frei von Rollen und Titeln mit ihren Klischees und Ansprüchen. Ob Akademiker*in oder nicht, Berufssoldatin, Immobilienverwalter, Frührentner, Studentin, Controller, Krankenpfleger, Physiotherapeutin, Ingenieur, Bäuerin, Lehrer… Das alles war nicht wichtig – man begegnet sich mit dem Vornamen und dem Gruß, einen gute Weg zu haben. Und lernt sich doch als Person kennen, mit allem Gebrochenen, Gelebten, Gelungenen und Gescheiterten. Und erkennt, dass jeder Mensch Würde besitzt, Ebenbild des Schöpfers ist.

So habe ich gefunden, was Hape Kerkeling suchte: Gott. Genauer Jesus. Die Begegnung mit Burkhard aus Köln geht mir sicher nicht mehr abhanden. Ein Mensch, der Gewalt und Verlust erleidet und mir mit dem Blick der Vergebung begegnet. Es mag klingen wie religiös verblendete Romantik, aber hey, das meiste von Paulus liest sich doch auch so.

Auch ein Angesicht Jesu, und sie hielt meine Hand ganz fest.

Völlig unerhofft habe ich gelernt, dass ich das Glück habe, zu meinem Beruf wirklich berufen zu sein. Wenn mir, dem Pilger im Kilt, doch einige meiner Mitpilgernden sagten, die Begegnungen hätten sie berührt, oder, wie meine Freunde, meinten „You do your Traugottthing“, dann weiß ich, dass ein Pfarrer sein zu dürfen, mein Beruf ist. Ein Spiritual, sage ich jetzt mal vollmundig. Weil ich Menschen begegnen darf und manchmal etwas in ihnen sehe, was sie selbst noch nicht denken können. Diese paar gemeinsamen Schritte, die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, die Liebe, die gegenseitig entsteht, das ist es, was seelsorgliche Beziehungen ausmacht. Es ist das allergrößte Glück, das erfahren zu dürfen. Und nichts will ich meine Student*innen mehr lehren als das: Habt ein offenes Herz, urteilt nicht über jemanden, sorgt euch nicht, vertraut einfach. Nennt es Nachfolge, oder was ihr wollt. Aber bleibt in Bewegung.

Das ist der Heilige Gral. Hinter all dem religiösen Prunk eine einfache Schale, deren Sinn es ist, dass man teilt, Leid und Freud… Bei einem guten Tropfen Wein.

Auch der Heilige Gral hat übrigens einen Sprung in der Schüssel (oberer Rand, links)

Gewidmet den Freunden…

Eine Liebeserklärung

Dieser Blogeintrag ist einfach und zugleich schlicht unmöglich. Er gilt den Gefährten und Gefährtinnen, die für mich aus der Wanderung einen Pilgerweg gemacht haben. Die erste Pilgerweisheit lautet zwar Jede*r geht seinen/ihren Camino….

Infotafel von der ersten Etappe, da geht es sich noch flott und allein

(…) aber die zweite, direkt folgend, lautet: Niemand ist auf dem Camino allein.

Zusammen beginnt man zu lächeln

Also eine Liebeserklärung an die Pilger-Brüder und -Schwestern. Für Euch werden in Zukunft viele Kerzen in Kirchen entzündet und Gebete gesprochen.

Lights will guide you and ignite you

Detlef

Der erste Freund war dieses Mal gar nicht dabei, aber seine Begeisterung war der Stein, der den entscheidenden Anstoß gegeben hat. Wie sehr sein Herz leuchtet, wenn er noch Jahre später davon erzählt. Wie er seine Söhne auf diesem Weg dabei hatte, jedem eigene Pilgertage widmete. Wie er Jahre später noch seinen Weggefährten Thierry besucht. Und sich den Weg auf die Wade hat stechen lassen. Das hat mich beeindruckt und mir klar gemacht, dass der Camino kein Mode-Ding ist, sondern ein innerer Weg, der den körperlichen braucht.

Ab dem dritten Tag trage ich einen Stein für Detlef mit mir.

Belle

Sie heißt anders, aber mit ihr ist eine Vertrautheit entstanden, die mich die tiefe Schönheit schauen ließ, die diese Frau aus Kanada hat und ist.

Wir Pfarrerstöchter

Die erste Begegnung haben wir in einer weniger bemerkenswerten Herberge in Puente la Reina beim gemeinsamen Pilger Essen, mitten in einer Gruppe von Australier*innen und Kanadier*innen. Es geht sehr derb zu, wir lachen viel, schließlich setzt das lesbisch Paar gegenüber zum Frontalangriff an, was der allerschlimmste Schimpfwort in unseren jeweiligen Herkunftsländern sei. Belle hat die zotigsten Erzählungen, 30 Jahre Kerle-Umgebung sind auch Lehrjahre. Am Ende oute ich mich als Pfarrer (das deutsche Wort habe ich nicht ausgesprochen übrigens) und gehe beschwingt ins Bett: der Jakobsweg wird nicht nur von Seidentuchwebern und -bemalerinnen begangen 😋. Zweit Tage später treffe ich Belle wieder in einer meiner Lieblingsherbergen, La Perla Negra, vegetarisch, gemeinsames Essen, wo auch Judith dabei ist. „Du hast bestimmt einen Grund, warum Du das hier machst…“ fange ich das Gespräch später am Abend an, das uns Tage lang begleiten wird. Denn Belle fragt auch mich und ist die erste, die meine Stimme einmal zu Brechen bringt.

Sie ist eines der späteren von 12 Pfarrerskindern aus einem strengstens puritanischen Pfarrhaushalt mit rigiden moralischen Regeln. Unaufgeklärt wird sie mit 17 Jahren Mutter, erzieht ihre Tochter – das Zentrum ihres Lebens bis heute – allein. Weil für studierte Soziologinnen (und das ist sie) wenig Jobs da sind, bewirbt sie sich in der Schwerindustrie und wird die erste Schweißerin. Die Narben auf ihren Armen beweisen, dass sie sich in der Männerwelt zu behaupten wusste und – trotz ihres zierlichen Körperbaus – alles schweißte, was in Reichweite war. Eisenbahnen und gepanzerte Fahrzeuge. Nach 30 Jahren Maloche kann sie mit 59 Jahren in den Ruhestand. Ihr Mann Bob, den sie bei der Arbeit kennenlernte, lässt sie für die gut zwei Monate ziehen, die am Anfang des neuen Lebensabschnitts stehen. Körperlich ist sie fit, als leidenschaftliche Radfahrerin, und im Fach Sozialkompetenz Weltmeisterin. Aber ihrer Seele ist gerade von erklärten und überzeugten Christen viel Druck und Gewalt angetan worden. Gerade die Super frommen, die immer wissen, was Gott gerade denkt und dass man seine Sündhaftigkeit wie auf einem T-Shirt bekennen muss, damit Jesus dafür gestorben sein kann und es auch weiß, treiben denkenden, authentischen und zweifelnden Menschen den Glauben aus mit ihrer falschen Süßlichkeit. Belle empfindet tief, fragt viel, zweifelt an sich und trägt noch immer Bildreste vom strafenden Gott mit sich herum. Das Leid eines anderen Menschen trägt sie mit der Kraft eines Stahlarbeiters mit und zerbricht doch beinahe daran. Dabei weiß sie Dinge aus Liebe zu tun, die fromme Redner zum Schweigen bringen. Zweimal trug sie Glatze. Das erste Mal, als sie ihre Herren Stahlarbeiterkollegen samt Chefetage aufforderte: Wenn Ihr 60 reelle Verbesserungsvorschläge für unser Unternehmen zusammenbringt, lass ich mir eine Glatze scheren. Das könnten die Kerle nicht glauben, aber sie hielt Wort. Das andere Mal, als eine Freundin Brustkrebs hat. Belle sammelt 4000 $, indem sie sich die Haare aus Solidarität rasiert. Ein Frau der Tat, ein Kerl aus Liebe. Eines Abends lässt sie sich von mir segnen, denn auch ich bin Pfarrer und sie vertraut.

Das einzige richtige Fußbad, Belle zweit von links

Am letzten Abend, sie ist von Finisterre schon zurück in Santiago und ich noch eine Etappe entfernt, setzt sie sich ins Taxi, und fährt zu mir. Morgens kurz nach 6 geht ihr Flieger, aber sie will sich verabschieden. Und sie segnet mich, denn ihr Segen ist mehr wert als der von Papst Franziskus (und von dem würde ich mich auch gern segnen lassen).

Belle!

Nathen

Wir sehen uns zum ersten Mal beim Pilgeressen in Roncesvalles. Die Amerikanerinnen Fragen der Reihe nach, ob er nicht Simon heiße, er verneint lächelnd, denn immer wird er mit dem Fernseh- und Musik Produzenten (Erfinder des Formats von DSDS und Super Talent) Simon Fuller verwechselt. Dabei ist er Vollblutmusiker und einzigartig. Nathen aus Vancouver ist derjenige, der mir das Abendmahl zum Dauerthema auf dem Camino werden lässt, fordert er mich doch noch in Roncesvalles auf, mitzugehen, egal welche Konservativlinge dort feiern.

Beim gemeinsamen Picknick, kurz darauf gemeinsam am Weinbrunnen

Er ist katholisch aufgewachsen, in Quebec in einer englischsprachigen Familie, hat sich von Kirche entfernt, mit vielem Spirituellen befasst und geht den Weg nicht zuletzt auch deshalb, um sich seinen Wurzeln wieder anzunähern. So erzählt er schon am ersten Abend und mehr noch ein paar Tage drauf. Sein Ziel ist das Ende der (alten) Welt, Finisterre. Nicht Santiago, denn er war einmal im Vatikan gewesen und war bestürzt und enttäuscht, dort so gar nichts von Geist zu spüren, sondern nur Prunk und Machtbewusstsein. Von Finisterre aus wird er den Atlantik sehen, das Meer, wo jenseits seine Heimat liegt. Das will er zu Fuß erreichen – und wird scheitern.

Er hat sich viel zu viel in und auf seinen Rucksack gepackt. Schon in Pamplona bringt er einiges zur Post und schickt es voraus. Aber seinem Instrument gewährt er eine Bewährungsfrist. Das Seiteninstrument zwischen Ukulele und Gitarre hat er dabei, weil er sich wünscht, dass eines Abends die Pilger*innen in der Herberge zu singen beginnen. Musik ist, was er ist, und seine Lieder erzählen von Glauben, Liebe und Hoffnung. Seine Eigenkompositionen auf SoundCloud (und CD) tragen Titel wie „be still“, „psalm 96“, „a prayer to you“ und „spirit is calling“. „To love“ ist mein Lieblingstitel, denn es erzählt von ihm – you have been bruised, you have been burned. In seiner Musik ist er ganz, und bald weiß es der ganze Camino, denn alle kennen den Pilger mit der Gitarre auf dem Rücken. Und wen er zum Singen gebracht hat, grüßt ihn künftig mit Dank und Ehrerbietung.

Mehr als nur Country Roads, Nathen bringt jede Stimme zum Singen

Das Gehen fällt ihm schwer. Er steht morgens als erster auf, meist um vier, und kommt oft spät an, weil ihm jeder Schritt wehtut. Knie, Schienbein, Mittelfuß, Rücken – die Stellen im Körper wechseln sich ab, aber der Schmerz bleibt. Aber er will nicht pausieren und mit dem Bus fahren. Er will seinen Camino gehen.

Wir drei, Stefan und Jörg und ich werden seine inneren Weggefährten, auch Brett, aber der sucht immer wieder Zuflucht in einem zynischen Witz. Dennoch gehen wir die letzte Etappe gemeinsam.

Fünf Freunde

Zwei Abende vorher und in Santiago sprechen wir, Nathen fordert uns auf, einander zu sagen, was wir zum anderen denken. Und fragt zugleich, was wir denken, warum er es so schwer hat und oft nicht genießen kann wie viele andere. Wir schildern ihm, wie es aussieht, wenn er geht: mit Kopfschutz ganz ins Gesicht gezogen, Handschuhen und ganz in sich gebeugt. Wie ein in sich selbst verkrümmter Mensch, ganz dem Schmerz ausgeliefert und nicht mehr offen zur Welt, offen in der Welt. Dabei ist er – in seiner Stimme und in seinem Hören ganz auf Kommunikation angelegt.

In Santiago ging es den Pilgern früherer Zeiten um Vergebung, Befreiung von dem, was sie Knechte und beugt und verknotet. Das ist, davon bin ich überzeugt, noch heute so. Nathen muss aber weiter nach Finisterre, aber diesmal kann er den Zug nehmen. Noch einmal ist er zerknirscht, enttäuscht von der eigenen Schwäche – und schickt doch Tags drauf noch eine Mail. Das Meer hat ihm Frieden geschenkt, und unsere Botschaft Vergib dir selbst!, kommt bei ihm an. Uns, jedem von uns Dreien, macht Nathen ein Geschenk. Er wird ein Lied aufnehmen, für jeden eines, für jeden Seines.

Runter mit dem Kopftuch! Nathen hatte auch ein Lied für Judith

Judith

Wie Belle und ich war sie in der Herberge La Perla Negra. Sie hat Auszeit von ihrem Leitungs-Job in der Industrie, kurz unterhalb der Vorstandsebene. Eine aufrechte junge Frau, die Projekte entwickeln und organisieren kann und immer zur Stelle ist, stets korrekt und freundlich. Ich kann mir regelrecht vorstellen, wie sich Chefs auf sie verlassen, sie macht das schon. Aber dann kommen Verluste, viel Tod und viel Trauer in der Familie. Und Judith hält die Position, begleitet, auch im Hospiz, vergisst sich dabei auch selbst nicht. Sie sieht aber, dass all das im normalen Arbeitsalltag wenig Platz hat, wo man für Trauer um unmittelbare Familienangehörige nur vielleicht zwei Tage Auszeit bekommt. Undsi nimmt sie sich unbezahlten Urlaub und geht diesen Weg für sich und das Neu- und Wiederausrichten. Als wir uns am Abend ihres Geburtags verabschieden, sagt sie mir, dass ein entscheidender Moment war, als sie mich mal wegen der Kälte morgens in Leggings und Kilt gesehen hat. „Wenn der das einfach macht und sich nichts schert, dann macht mir das Mut.“ Sie geht ihre Projekte an, direkt und risikobewusst.

Der Baum, an dem man Halt finden kann, trägt hier Wanderstiefel.

Der Geburtstagskuchen und das Ständchen für Judith kommen nicht nur uns Jungs aus der Seele. Judith hat viele Herzen erreicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie schaut mit einem offen Gesicht, offenen Augen und eine Schönheit ausstrahlt, die tief in ihr begründet ist. Es ist ein Geheimnis, ein wunderschönes.

Stefan

Morgenstunden hat Gold im Moment

Eine echte Begegnung wie in Jesu Zeiten. Stefan sitzt frühmorgens im Dunkeln am Brunnen von Astorga, er hat schon 8 Kilometer unter den Füßen und raucht erstmal eine, ich irre noch etwas umher, trinke erst aus dem falschen Hahnen, bevor ich orientiert bin. Ab da sind wir ziemlich unzertrennlich Freunde.

Mein erster Eindruck: der geht aber mit Druck! Jeder Schritt eine Willensentscheidung. Und er hält auch nicht lange damit zurück, dass er sich mehr erwartet hat vom Jakobsweg, v. a. das Mentale, da merkt er so gar noch nichts. Wir reden und reden, über lange Strecken, vor allem in der Meseta, aber die ganz entscheidenden Strecken geht er alleine, diejenigen, wofür es diesen Weg überhaupt gibt. Ich glaube, von uns allen hat Stefan diesen Camino am besten verstanden und geschafft. Mit und dank Stefan erfahre ich, dass und warum und wofür ich Pfarrer bin. Jörg prägt dafür später den Begriff „you do your Traugott-thing“ – und das stimmt auch.

Keiner geht verloren

Ich lerne einen Mann kennen, dem ich sonst nie begegnet wäre, obwohl uns nur vier Jahre trennen. Er ist Chemiker, hat weltweit für die Lackindustrie gearbeitet und war überall in der Welt. Er kann, weil er Excell-Tabellen liebt (ich kann das noch nicht mal richtig buchstabieren), „aufzählen, wie oft er im Jahr geflogen ist und wieviel Autokilometer er abgesessen hat und deshalb zuwenig Bewegung hatte. Er kann auch genau die Prioritäten in seinem Leben aufzählen: seine Familie, sein Motorradclub (besteht seit 32 Jahren, eigentlich nur Harley Davidson…), sein Basketball-Verein, der erste Bundesliga spielt und wohl auch Meister ist.

Stefan ist immer dabei

Mit Kirche hat er nichts am Hut. Und ich werde da auch nicht versuchen, ihn eines anderen zu belehren. Weil er eigentlich ein Ritter ist, und das meine ich ernst. In seiner Welt der Biker hält er sich an Ehrencodices und kennt ihre strengen Regeln. Er lehnt alle kriminellen Rickerclubs für sich ab, aber weiß Gott, er kennt sich da aus. Stefan schleppt manches Kilo an seiner Rüstung. Es knirscht hin und wieder – und seine Füße plagen ihn in der zweiten und dritten Woche heftig. Compeed richtet ihm eine Flatrate ein, als er an beiden Fesselnüble Blasen entwickelt, die bluten und scheuern. Aber er haut weder die Schuhe auf den Müll noch bricht er ab. Nachdem wir ein paar Tage gemeinsam gelaufen sind, sagt er, er werde in León aufhören, er wolle heim zu seiner Familie. Flug sei gebucht. Doch zwei Tage später: Scheiße, ich will das zu Ende bringen. Endlich etwas im ersten Anlauf zu Ende bringen, keine Sondertouren, sondern durchziehen. Ich will das schaffen.

Pilgerkameraden

Und er entwickelt Kräfte eines Stieres. Dabei hat er schon einen Schlaganfall hinter sich und ist auf Medikamente angewiesen. Wie ein Ritter gürtet er sich, zieht den Gürtel enger, weil der Bauch weicht, startet richtig durch und erhält von uns den Namen „Blitzpilger“, wenn er wieder einmal einen Anhang hinaufspurtet. Er war schließlich auch vier Jahre Berufssoldat und in einem entsprechenden Rang. Mitten auf der Strecke, beim Mittagessen, schenkt der Nichtkirchenmensch dem Jörg ein Kreuz. Und in Santiago lässt er sich das Templerkreuz samt Muscheln auf das Herz stechen. Das ist mehr als ein Aufnäher auf der Rockerweste.

Ein Prachtkerl

Ich bin mir sicher, dass jeder in seiner Vereins- und Arbeitswelt weiß, was für ein Ritter lichtet Charakter Stefan ist. Wohltätiigkeits- und Ehrenamtsarbeiten sind seine Leidenschaft, auch zu seinem Leidwesen, weil er eben auch allen hilft. Mir sagt er, ohne mich hätte er den Weg nicht zu Ende gemacht. Aber ich hätte ohne ihn nicht verstanden, wozu der Camino fähig ist.

Ein Brockenhaufen

Als er am Cruz de Fierro ankommt, zieht es ihm den Boden unter den Füßen weg, er wirft Brocken Haufen hin und hat keine Scheu, das zu erzählen. Und ab da ist das Getrieben, auf Willenskraft Gebaute weg und er läuft ohne Blasen in seinem Tempo den Weg bis zuletzt. Wie ein heißes Messer durch Butter gleitet. Zuhause arbeitet sein One-Woman-Support-Team für ihn, bucht ihm Zimmer vor und signalisiert, dass seine gesamte Welt mitverfolgt, wie er es bis zum Ende schafft. Eine SMS bringt uns 5 km vor Schluss wieder zum Heulen: Du hast es fast geschafft. „Wir sind stolz auf dich!“ Scheiße, ja! Das sind wir!

Er will am Ende nur ein Kieselstein sein, neben seiner Frau (einem Diamanten, glänzend und auch hart), so dass sie sich im Fluß des Lebens reiben und schleifen können. Ein Kieselstein. So einen habe ich am Cruz de Fierro ans Kreuz gelegt. Weil dort einmal ein römischer Soldat stand, aufrecht wie ein Ritter und mehr erkannt hat, wer und was Gott ist. Danke Stefan! Und das Bild eines alten Ehepaares, dem ich in Pamplona hinterhergehen durfte, gilt Dir und Eurer Zukunft.

Ohne Worte

Jörg

Sein Symbol war eine Kiste wie ein Sarg. Es war in der klösterlichen Herberge von Sahagun, als Jörg und ich uns begegnen. Die Mönche haben ihre Gäste eingeladen, mit Einem Symbol zu beschreiben, wer sie sind und was sie auf dem Weg bisher für Erfahrungen haben. Ein Symbol der Vergänglichkeit, dabei kenne ich kaum einen Mann, der vitaler und präsenter ist als Jörg, 51 Jahre jung, Ehemann von Stefanie, zweifacher Papa (von Clara und Helli), Sohn eines seit kurzem querschnittsgelähmten und auf ihn angewiesenen Vaters, Mannheimer mit Leib und Seele. Evangelisch mit einer Beheimatung in dem, was in der katholischen Kirche richtig und gut ist.

Durch Dick und Dünn. Come rain or shine

Nathen formuliert es so: „you’re the man I wish to become“. Ganz I’m Moment, mit allen Sinnen. Seine Leidenschaft (oder eine von mehreren) ist die Jagd. Morgens vor Sonnenaufgang im Wald, ohne elektronische Hilfsmittel, wittern, lauschen, den Blick des Tieres aushalten entscheiden auch über Leben und Sterben. Wenn er es nicht richtig macht und das Tier sei etwegen leiden muss, hängt er den Jagdschein an den Nagel. Vom Geschossenen verwertet er alles selbst, das Fell gibt er weiter. Geweihte aber hängt er sich nicht auf. Kein Deko- und Vereins Jäger.

Geh mit Gott

Wir sprechen über Gott und die Welt. Nichts Himmlische und nichts Irdisches sparen wir aus. Jesus ist dabei, viele theologische Überlegungen entstehen erst im Gespräch. Und ich sehe für Jörg einen Weg in Kirchen vorher, den ich ihm am Cruz de Fierro sage. Denn er ist ein Christophorus, der nur dem Höchsten dienen will, mit all der Kraft und Virilität, die ihm der Schöpfer mitgab. Der aber auch, wie Christophorus in Gefahr geraten kann, im reißenden Strom weggespült zu werden.

Aus der Kirche in Burgos (?)

Hätte er da nicht seinen Stab und das Kind auf den Schultern. Den Stab hat er tatsächlich dabei, hat ihn eigenhändig im Wald geschnitten, den ganzen Weg damit balanciert, sich am Cruz de Fierro darauf gestützt und ihn am Ende mir geschenkt. Das Kind auf der Schulter lernt er immer besser kennen, den es ist ein Pilgernder wie er. Mit Jörg fängt man wieder anzu Glauben und erkennt das Einhorn auf dem Weg.

Einhörner gibt es

Das Irdische lassen wir nicht aus, sprechen über Geschäftliches (er macht in Immibilien- und Hausverwaltungen), Familie, Kinder, Kommunalpolitik und Sex. Das Leben besteht ja nicht nur aus Geistlichem und Geistlichen. So rundet sich das Bild. Fest verwurzelt im Leben, aber immer offen nach oben. Das ist auch die Muschel, die Jörg am Ende auf der Schulter tragen wird. Exakt so groß wie diejenige, die ihm seine Tochter Clara mitgab.

Viele Wurzeln, ein Ziel

Brüder und Schwestern habe ich gefunden. Sie haben dem Camino Würze, Leben, Echtheit gegeben. Wie die Pimientos, die wir immer wieder hatten. Ihnen widme ich meinen Blog.

Mindestens eine*r ist scharf!

Zwei Tage wie im Rausch

Über meine Tage in Santiago und vor allem über die wichtigsten Dinge werde ich auf der Heimfahrt mit dem Zug berichten. Das braucht etwas Atem und auch nochmal viel Herz, denn ich will von den Menschen erzählen, die der Camino für mich sind.

Zwei volle Tage, drei Nächte habe ich Santiago. Stefan, Jörg und ich gründen eine Männer-WG in einem 2,5-Zimmer-Appartment in der Altstadt. Jörg muss auf dem Klappsofa in der Wohnküche schlafen, denn er ist mit seinen 51 Jahren der Jüngste. Ich habe seit fast 5 Wochen zum ersten Mal ein eigenes Zimmer. Endlich Schnarchen ohne schlechtes Gewissen!

7 Minuten zu Fuß sind es bis zum Platz vor der Kathedrale. Noch am Freitag erhalten wir unsere Compostela. Wieder so ein Camino-Wunder, denn wir hätten richtig Mühe gehabt, noch einen Zeit-Slot zu bekommen. Aber Raschad und Judith haben extra für uns gleich in der Früh Nummern gezogen, so dass wir schon drei Stunden Vorsprung hatten. Das Ganze funktioniert so: man muss im Pilgerbüro eine Nummer ziehen mit einem Bar-Code. Den fotografiert man ab, wird auf eine Seite geleitet, die dann zeigt, wie weit der Stand der Dinge ist. Wir – oben genannte Herren, dazu Nathen (Vancouver) und Brett (Sydney, Australien) – haben die Nummern 747 bis 751. Beim Ankommen ist der Zählerstand bei 350. 100 Nummern pro Stunde – wir haben also knappe vier Stunden.

Ablassbriefberechtigungsschein

Raschad, der hühnenhafte Goldjunge aus Aserbaidschan, der in Jena studiert, und mit dem Camino sich selbst bewiesen hat, dass er etwas erfolgreich zu Ende bringen kann, und Judith, über die ich später noch mehr schreiben muss, warten bis zum letzten Drücker vor der Kathedrale auf uns, um uns die Nummern zu geben. Dann rennen sie zum Bus, um nach Finisterre zu fahren. Das haben sie einfach, ohne fragen, einfach für uns getan!

Genügend Zeit also, Freitag um 14 Uhr den Wohnungsschlüssel abzuholen, zu duschen und einen Wein zu trinken. Um dann zum Pilgerbüro zu gehen. Dort steht auch Paulina aus Mexiko, mit der ich auf den Pyrenäen die Geier gesehen hatte.

Paulina ist nur äußerlich klein, für alle Camino-Gefährt*innen ist sie eine Größe

An einem Dutzend Schalter müssen die Pilgernden nun ihre Pilgerausweise vorlegen, die mit Datum von Anfang an über den ganzen Weg, zuletzt mindestens zweimal täglich, gestempelt sein müssen. Klingt nach Bürokratie? Ist es auch, schließlich geht’s hier um das Verwalten der Eintrittskarten ins Himmelreich, Sündenerlass! Da hätte Martin Luther schon manches dagegen zu sagen. Aber wenn man am Ende so eine Urkunde erhält, dann freut man sich doch, kann man sich einrahmen und an die Wand hängen neben das Konfirmationskreuz und die Master-Urkunde. Koreanische junge Pilgernde sollen das inzwischen sogar zu ihren Bewerbungsunterlagen nehmen! Man wird dann noch gefragt, ob man aus religiösen, aus spirituellen und/oder aus sportlichen (other) Gründen gepilgert ist. Bekenntnis-Stunde also auch noch gleich. Wird in der Urkunde auf Latein festgehalten, weil das schließlich auch die Sprache des Himmelspförtners ist.

Egal, ich wollte den Camino gehen, dann muss ich das auch durchziehen. Bürokratie hat natürlich auch Schattenseiten. Gestern Nachmittag, bei Regen, kommt eine Mutter, die mit ihren zwei kleinen Söhne gegangen ist, genau in dem Moment, also keine Nummern mehr für diesen Tag vergeben werden. Am nächsten Morgen können sie nicht mehr da sein, sie wussten das Procedere nicht. Der Sicherheitsbeamte verwehrt ihnen eisenhart den Zutritt, trotz der Fürsprache aller Heiligen (der anwesenden erfolgreichen Pilger*innen). Die tapferen Buben müssen ohne Urkunde abziehen, das Eiserne Tor bleibt verschlossen. Was für eine Botschaft – religiös oder spirituell – das auch immer ist oder sein soll.

Das alles weiß ich ja noch nicht, als ich meine Compostela habe. Wir ziehen also fröhlich zurück zum Platz. Auch Nathen, der vor lauter Schmerzen in den Knien gar nichts mehr richtig mitbekommt und seinen Nummernzettel vergisst: Ihr habt mir keinen gegeben, bestimmt nicht! Ohne den kommt er aber nicht am Sicherheitsbeamte vorbei. Hannes, der junge, hochgwachsene und blondblauäugige Hanseate, der auf ein paar Etappen seinen Schritt entschleunigte und gleichzeitig den unseren beschleunigte, ist wie ein Engel zur Stelle. Er drückt Nathen seinen (längst abgelaufenen) Zettel in die Hand, Nathen schlüpft durch und kann nun auch auf die Compostela hoffen. Zugang zur Sündenvergebung erschwindelt. Im Hause des Herrn gibt es viele Wohnungen. Da zieht Nathen aus einer seiner unzähligen Cargopants-Taschen plötzlich den Zettel mit #751 hervor.

Zurück zum Platz, Fotos machen, und bitte bitte endlich einen Kaffee!

Hannes und der unsichtbare Mann haben das gleiche Schuhwerk!

Als wir uns in einer Cafe Bar niederlassen, kommt Eugene, der 23jährigen Südkoreaner aus Seoul dazu. Mit ihm ging ich zwei, drei Etappen bis Hontanas, bis er mich abgehängt hatte. Rockmusik, v. a. Queen-Fan, Engineering-Student, aber vor allem künstlerisch talentiert und sozial hochkompetent. Seine koreanischen Mitpilgern haben ihm immer wiedermal vorgeworfen, er würde sein Land verraten, weil er ständig mit den Nuchtkoreanern esse und zusammen sei. Er ist voller Wissbegierde und Mut. Ein paar Tage bevor er in Santiago ankam, stand er nachts um 2 auf und ging 78 km an Stück! Das wären für mich drei Tagestouren gewesen. Bis wir in Santiago ankamen, war er schon in Finisterre und Muxia. Morgen bricht er zu einer Spanien–und Italienreise auf – Mailand, Venedig, Florenz, Rom. Deshalb hat er sich nun auch komplett neu eingekleidet, in Wanderklamotten kann sich so ein junger Kerl nicht sehen lassen. Ich hab ihn gar nicht wiedererkannt: Halbschuh aus blauem Leder, Hose, gestreiftes Hemd und einen helklgrauen, halblangen Stenz-Mantel. Ich weiß gar nicht, warum ich Das nicht fotografiert habe. Dafür gibt es Email…

Kleider machen Leut’… a bisserl hübscher

Und er strahlt und grinst bis über beide Ohren.

Eugene, ganz rechts, kurz vor Hontanas, mit Michael und Stefan

Die anderen gehen schon in die Wohnung, damit Eugene, der eigentlich Eu-Chen Kim heißt, und ich noch ein wenig reden können. Für ihn, nichtreligiös erzogen, war es doch eine sehr tiefe Reise. In einer sehr materialistischen Welt, wie die Megastadt Seoul und ihre Vorstädte wohl sein müssen, ist es eine neue Erfahrung, dass man einen Monat mit 900 € auskommt und es an nichts fehlt. Seine Studienwahl ist vom Ziel geprägt, einen harten, aber best bezahlten Job zu finden, bei einem koreanischen Elektronikriesen, obwohl dort die Arbeitsanforderungen Knechten sind. Was wäre eigentlich Dein Traum, frage ich, und er sagt: „Koch werden und ein Lokal aufmachen, wo diejenigen zahlen, die es sich leisten können, und die andern kostenlos zu essen kriegen.“ Kein Wunder, dass Michael (auf dem Foto neben ihm) aus dem Saarland, der noch lang mit Eugene lief, und ich ihm unabhängig voneinander Mut machten, was anderes, soziales oder kreatives zu lernen.

Zeit Abschied zu nehmen, mit einem christlichen Segen. Und dann gehe ich mit Jörg und Stefan in die Pilgermesse. Dass der junge Priesterschnösel nie die Worte Peregrino oder Camino in den Mund nimmt, dafür aber gefühlte 478 Mal Iglesia, und selbst beim Austeilen der Hostie niemandem in die Augen schaut – geschenkt. We the people are God’s people! Wir drei, der evangelische Professor Doktor Pfarrer, der Evangelische, der katholisch verheiratet ist, und der katholisch Getaufte, der aber schon Jahrzehnte mit der katholischen Kirche nix mehr zu tun hat, mit vielen vielen anderen Pilgern zusammen inner Kirche, wo nur spanische Dörfer zu verstehen ist, und es könnte nicht erbaulicher sein. Weil es Gottes Dienst ist, an und mit uns.

Nochmal zum Kathedralplatz zurück. Eine Mariachi-Band (???) spielt spanische Lieder zum Mitsingen: Ayayayeiii

Die Kathedrale leuchtet, der Mond nimmt zu und der Rausch des Angekommenseins beginnt.

Ein prachtvolle Protzbau, erfüllt von Emotionen wie der Western Wall in Jerusalem

Wir ziehen los, treffen uns mit den jungen Pilgern, mit Paulina und Micky und Tristan. V. a. letztere waren in den letzten Wochen immer auf gleicher Höhe, haben uns die Hohe Kunst des Pilgerns in den 20ern kennenlernen lassen: nicht weniger Prozesse im Kopf, aber erheblich mehr Fiesta und weniger Noche. Micky habe ich schon in Saint Jean-Pied de Port schätzen gelernt. Und Tristan, in Ottawa als Hotel Receptionist lebend, aber aus Montreal stammend, das Beste Amerikas und Europas verbindend, hat Micky lieben gelernt. Ein Camino-Paar. Micky hatte ihrer Mutter noch versprochen, nicht auf dem Camino zu heiraten. Und sie gehen diesen Weg, jede/r im eigenen Tempo und doch zusammen. Beer’o’Clock gehört zu dem, was wir lernen. Kann auch mal um 9 Uhr früh sein, wenn man schon 10 Kilometer gegangen ist. Tristan hat die Punk-Bar aufgetan. Und hier wird gefeiert, bis der Wirt sich irgendwann bei Stefan beschwert, er solle nicht so laut sein.

Tristan, Micky, Paulina, Hannes

Nochmal zum Mitbuchstabieren: der deutsche Altrocker und Pilger Stefan muss sich in einer Punkbar vom Wirt sagen lassen, er solle nicht so laut sein, weil andere, spanische Gäste sich gestört fühlen könnten! Am Abend drauf sind wir nochmal da, und fast alle unsere Mitpilgernden jüngeren Alters, Judith, Raschad zurück aus Finesterre, und Jennifer (erste Abende und erster Regentag ab Roncesvalles mit Micky)

Mit Jennifer, from Alpha to Omega

Itai, einer unserer beiden israelischen Pilger (auch Juden und sogar Moslems sind auf dem Weg!) und sogar Bathrobe Bob mit seinem Gefolge.

Bathrobe Bob und Tristan

Es ist fröhlich und das Junggemüse säuft nicht wenig.

Die Seniorenpilger lassen sich nicht lumpen

Der zweite Abend findet auch für mich erst nach 2 Uhr sein Ende, nachdem die gesamte (!) Truppe sich einig ist, dass Schwule und Lesben einfach die bessere Party machen und wir im Schwulenclub Bloom ab Mitternacht weiterfeiern sollten.

We are family! I’ve got all my sisters with me!

Die hiesigen Schwestern und Butches, die alle für Samstag Nacht passend angezogen sind, wundern sich etwas über die Gäste in Funktionsleibchen und Badelatschen oder – Bathrobe-Bob – Bademantel, aber „What the f***!“, wie wir beim Posten jubeln tirrilieren. Vielleicht sind wir alle so fröhlich am feiern, weil wir alle gezeigt, gesehen und erlebt haben, welche Brocken wir am Cruz de Fierro abgelegt haben oder wie verletzlich jede*r ist. Wer miteinander weinen kann, kann auch mit den anderen lachen.

Der DJ jedenfalls (ich würde ihn nicht von der Bett kante stoßen) nimmt mich später in seine behaarten Arme und drückt mir ein Busserl auf die Wange. Buen Camino for life!

Das morgendliche Aufstehen ist freilich später als sonst. 9:17 Uhr am Samstag! 8 Uhr am Sonntag! Und wir gehen frühstücken. Ein Café bietet Churros mit Heißer Schokolade an. Hüft-Platin! Gold reicht da nicht mehr. Es ist einfach flüssige Schokolade, nix Milch, aber süß!!!

Churros in der Mitte

Stefan geht nach der Schokolade seine sechs brasilianischen Engel am Plaza vor der Kathedrale in Empfang nehmen. Sie haben ihn – auftauchen aus dem Nichts, völlig unbekannte – aufgefangen, als er am Cruz de Fierro seine Schleusen öffnen musste. Jetzt ist er da. Engel müssen nicht Wesen mit Flügeln sein.

Auch Sie wird jemand in Empfang nehmen – und der Regen wird vergessen sein.

Jörg und ich wollen bisschen bummeln, finden die Markthalle, wo Bauern und Bäuerinnen ihre Gemüse feilhalten, aber auch Fisch und Käse…

Mehr als weiße Bohnen hat sie heute nicht
Frischer Krake, 11€/kilo

Kein Wunder, dass wir eine Weißweinverkostung vornehmen, immerhin stammen wir beide aus Wrinanbau-Regionen. Hat also rein markttestende Gründe.

Hab ich schon angemerkt, dass Santiago kulinarisch durchaus interessant ist?

Aber Appetit holt man sich woanders, gegessen wird zuhause. Zurück in die Männer-WG, wo wir unser Spätmittagsmahl kochen. Zitronen-Käse-Salat und Pasta mit frischer Tomatensoße. Und Rioja.

Nachmittags kommt Judith zurück von Finisterre und es ist ihr Geburtstag. Alle kommen, als wir ihr ein Geburtstagspicknick machen. Eine Torta di Santiago mit einer Kerze zum Ausblasen.

Tanti Aguri a Judith!

Das Schönste an diesem Platz ist, dass man dort einander wieder sieht. Alle sind etwa zur gleichen Zeit losgegangen oder irgendwann dazu gestoßen, dann ging jede*r ein eigenes Tempo, manche sind längst nach Finisterre und zurück, andere haben sich durchgeschleppt – jetzt im Zeitraum von drei Tagen laufen alle ein, deshalb kommt man mehrfach hierher, weil man bestimmt jemanden empfangen kann. Ein großes und freudiges Wiedersehen. Ich stelle mir so den Eingang ins Paradies vor. Im Angesicht Gottes, der uns diesen Platz schenkt, mit wundgelaufenen Füßen oder schmerzenden Gliedern. Aber mit Freudentränen des Glücks und der Frage: Wie war dein Weg? Glückwunsch, du hast es geschafft. Abgeholt werden von denen, die schon da sind. Keiner ist am Ende allein.

Mein Berg von einem Franken zum Beispiel, der viel in seinem Leben allein blieb, von seiner leiblichen Familie nichts wusste und seinen Bruder nach 17 Jahren erst im Sarg wiedersehen konnte, weil der alles hinter sich abgebrochen hatte. 2 Monate ist das erst her. Die längsten Strecken des Weges geht er allein, verpasst die Zeiten, wann die andern kochen, hat dann schon gegessen. Seine Wandergeschwindigkeit ist zu langsam für viele andere, auch Jörg und mich. Da fasst er einen Entschluss: ein englisches Ehepaar kann er einholen, die ihm gut tun. Er nimmt die Hacken in die Hände und macht 30 km gut. Auch wir haben uns nicht vergessen. Und so kommen wir ihm entgegen auf den letzten Schritten, nehmen uns in die Arme und essen am letzten Abend nochmal zusammen.

Oder Roswitha, der aufdem Platz plötzlich ihre Schwägerin und ihre Schwester gegenüberstehen, alle aus Österreich angereist. Was für eine Wertschätzung und Würdigung dessen, was wir alle hier erleben.

Es ist wie im Rausch, wie im Himmel.

Natürlich gibt es noch anderes, das sich in den zwei vollen Tagen ereignet, auch wenn es am zweiten Tag regnet. Und ich muss auch davon schreiben, um es nicht zu vergessen.

Da ist Stefan, der kurzentschlossen Tatsachen beschließt, und sich die Muschel auf das Herz stechen lässt.

Ein Kreuz mitten drin

Da ist das sehr schön gestaltete Museum an der Kathedrale mit Steinmetzkunst des 12. Jahrhunderts, die filigran und ausdrucksstark ist.

Die Pferde der drei Weißen aus dem Morgenland wussten auch, wem sie huldigen

Da ist die erste Pilgermesse, die ausnichts Als Freude und Lobpreis, Klatschen und einer sozialkritischen Predigt besteht. Mit Kindern, einer übersteuerten Akustik und Laienpredigern – Franziskaner hält wieder!

Da ist das Café, in dem ein Pianist am Ende auch noch Leonard Cohen spielt und ich die beste Torte des Camino genieße (Dulce con Letche) und nachher nach die Jungs mit mir Wein trinken.

Kaffe und Kuchen! Endlich deutsche Bräuche

Und dann sind wir möglicherweise noch Lebensretter. Wir sind gerade auf dem Weg zur Punkbar am Samstag, kurz nach Neun, als auf der Straße ein Mann liegt, regungslos, Mitte 50. Augenscheinlich Kein Obdachloser. Ich rühr im an die Hand Ruf die andern, Jörg der Jäger kennt die Vitalmarker. Er atmet, aber reagiert nicht. Er stinkt nicht nach Alkohol, hat sich nicht erbrechen oder in die Hose gemacht. K.O.-Tropfen, meint Stefan, der Szenen und Milieus kennt, von denen ich keinen Schatten habe. Wir rufen Hilfe herbei, andere liefen achtlos vorbei. Eine portugiesische Familie und ein spanisches Paar (der Kerl ist Krankenpfleger, lässt aber Jörg die Arbeit machen) sprechen mit dem Notruf. Keine Reflexe, keine Reaktion, aber Atmen. „In 10 Minuten ist der Sani da!“ Toll, in Spanien (Santiago ist jetzt kein Nest!) will ich keinen Herzinfarkt haben. Jörg kann stabile Seitenlage. Irgendwann kommt das Rettungsauto, testet den Puls und die nicht vorhandene Reaktionsfähigkeit, hebt den Kerl auf die Pritsche und fährt weg. Keine Frage zum Vorgang, kein Aufnehmen von Personendaten (der Mann hat kein Portemonnaie – mehr? – in der Tasche), sie fahren ab und er wird hoffentlich am nächsten Tag aufwachen und wissen, wer er ist.

Viel Glück, Unbekannter!

Die Tage in Santiago vergehen wie im Rausch. Am Ende sitzen wir in einem einfachen Lokal, bestellen wild, was jeder will und werfen unsere Ersparnisse zusammen. Es reicht für alle. Für mich bleibt das Fazit: Wir sind Pilger all zumal – und im Mesum fand ich einen Webteppich aus dem 16. Jahrhundert, und erkenne mich selbst ein wenig wieder. Ich hoffe nur, dass ich meistens freundlicher geguckt habe.

Könnte aber auch ein Vorfahren Stefans sein. Oder von mir. Oder von Jörg (der mehr Haare hat)

Santiago de Compostela!!!

Angekommen, Brett, Stefan, Traugott und Jörg
Den Ankommenden zuschauen ud sie begrüßen
Dreimal so voll wars dann bei der Pilgermesse
Nachts vor der Kathedrale
Die Nacht endet in einet
waschechten Punk-Bar
Mit dem jungen Gemüse.

Ausgeschlafen bis 9:17 Uhr! Danach das Fasten gebrochen und die Stadt genossen. Kultur is morgen, heute Freude mit den Eben-erst-Ankommenden, gibt nix fröhlicheres, und dann Stärkung bei regionalen Produkten, ganz nachhaltig und ökologisch (ich schwör!)

Auf dem Markt
Jakobsmuscheln
Pilgerfrühstück, 😇
Geburtstagsüberraschungspicknick für Judith vor der Kathedrale
Während Stefan sich tätowieren lässt.

Ist die Bibel ein Pilgertagebuch?

Vorletzte Etappe! Morgen nur noch 15 Kilometer nach Santiago, ich kann es gar nicht fassen. Aber doch ist es gut, dass es nun zu Ende geht. Denn ich freue mich auf zu Hause, auf Daheim. Das ist ja kein Ort, das ist ein Mensch, der eine, besondere Mensch, und die Freunde und Familie. Und natürlich auch die Vierbeinerin. Ob sie beleidigt sein wird?

So stand sie die ersten Tage da und wartete…

Ich freue mich auf Daheim.

Aber bis da gibt es noch ein paar Schritte zu gehen. Heute wieder bei Nebelmorgen, aber zunehmend Sonne und sehr schöne Waldstrecken.

Morning has broken like the first morn‘

Wir gehen zügig, denn es werden am Ende doch 26 Kilometer werden. Wir gehen lange Strecken still und schweigend nebeneinander her, versunken in Gedanken und dem Nachklingen vielet Gespräche, gerade auch der letzten Abende.

Einen Gedanken will ich festhalten in meinem elektronischen Pilgertagebuch. Er kommt aus Gesprächen mit Jörg und mit Stefan. Einmal ging es darum, wie die Bibel zu verstehen ist. Und dann kamen wir irgendwann darauf, dass all das, was wir erleben hilft, biblische Texte noch einmal neu und anders zu verstehen. Und auch das, was auf dem Camino passiert – nicht nur uns – von daher zu verstehen.

Keine Sorge, das wird jetzt keine Predigt und wir sitzen hier auch nicht abends zusammen und lesen die Bibel. Aber es ist doch ein bisschen ein Blick in den Himmel und darum poste ich Fotos von den Himmelsvorstellungen, die die Baumeister der Vergangenheit so hatten.

Romanisch, einfach, klar

Wir haben uns oft gefragt, was der Weg mit uns macht. Es passierten Camino-Wunder, manche Wunde lag offen, physisch und seelisch und auch im sozial-familiären. Und vieles wurde geheilt, weil jemand daran rührte. Oft nur kurze Begegnungen, ein Wegstück zusammen, bei dem man offen sprach. Eine Runde in einer Herberge, bei der es zum Austausch kam. Offene Gespräche, ohne Angst, dass jemand die Offenheit missbraucht oder sich lustig macht. Manchmal war die Lösung nach der Begegnung klar wie ein Jesuswort: steh auf, nimm dein Bett und geh! Nimm dein Problem in die Hand und gehe es aktiv an. Du bist geheilt!

Da waren Mauren beteiligt.

Die Wunderheilungen Jesu und der Apostel ereignen sich allesamt (wenn mich meine Bibelkunde nicht täuscht) auf dem Weg. Entweder ist Jesus unterwegs und begegnet einem Menschen am Weg, oder Verwundete/Gelähmte/Ausgestoßene werden zu ihm gebracht. Immer in Bewegung, immer eine Begegnung. Und es verändert sich was, es passiert etwas Grundlegendes. Alle, die es mitkriegen, fragen sich „Hey Was läuft denn hier ab?“ im biblischen Sprachgebrauch heißt es dann „sie verwunderten sich alle“. Ich glaube sogar, dass eine Geschichte wie die, als Jesus über den See Genezareth geht, so eine Erfahrung ist. Plötzlich ist er da, und die Aufgeregtheit legt sich, es ist gut!

Die Oktogon-Kirche in Eunate

Es sind Wunder, wie man sie beim Pilgern erlebt. Man kann sie dramatisch Aufbauschen (Pilger latein sozusagen), aber im Kern ist etwas Wunderbares passiert.

Auch die Essens-Geschichten sind Pilger-Grunderfahrungen. Das Teilen von ein bisschen Brot und Fisch und Wein und dann das Gefühl, dass etwas Tiefes, Heiliges passiert ist. So ein Emmausgefühl hatten wir drei Kerle einmal mittags. Oder man sitzt zusammen, völlig fremde Leute, einige kennen sich, ist in irgendeinem Haus zu Gast geben einen geringen Obolus und isst das, was die Leute am Vorabend mit ihrem Obolus möglich gemacht haben. Freude und Gelassenheit und alle werden satt und es bleibt noch vieles für den nächsten Tag, fürs Frühstück oder für die nächsten Pilger*innen. Körbeweise! Oder man sitzt in einer überfüllten Bar, isst Tapas wie bei einem Fest und der Wein wird von Mal zu Mal besser. Jedes Essen an einem anderen, neuen Ort auf der Reise, wie das Essen und Trinken von Jesus und seinen Jünger*innen, das ihm den Ruf eingebracht hat, ein Säufer und Fresser zu sein.

Prachtvoll und luxuriös

Selbst die Reden und Lehren, die Jesus hielt, mal in einer Synagoge, mal auf einem Berg, mal auf einem Feld, waren nur Pausen auf seiner Wanderschaft. Ich male es mir richtig aus, wie er beim Wandern die Augen aufgemacht hat, die Felder und Blumen, die Feigenbäume und die Vögel unter dem Himmel gesehen hat. Oder die Bauern bei der Aussaat und die Frau in der Stadt, der eine Perlenkette reißt oder eine Münze unter die Diele rutscht. Das sieht er und erkennt den tieferen, den symbolischen Sinn darin und teilt es den Wegabschnittsgefährt*innen mit Begeisterung mit. Der Stoff, aus dem Gleichnisse und biblische Reden sind.

Das Himmelreich ist wie…

Die Bibel ist voll von Geschichten vom Pilgern. Ich werde viele Geschichten aus dem Alten Testament (auch da sind die Alten, Sara, Hagar und Abraham, die Brüder Jakob und Esau, Josef und seine Brüder und die eine, vergewaltigte Schwester, Ruth und Noemi, von Mose und dem wandernden Gottesvolk gar nicht zu reden, beständig am Reisen) und dem Neuen Testament neu lesen und verstehen als Texte von Leuten, die sich gefragt haben wie wir: Was geht denn hier ab? Was macht dieser Gott mit uns?

Es hat alles seinen Sinn

Die Bibel ist ein Pilgertagebuch, ein himmlisch-menschlicher Blog. Seit Jahrtausenden.

Wanne-Eickel – oder die Kirchengruppe aus Hildesheim

Galizischer Morgen

Die Tage meiner, unserer Wanderschaft neigen sich unweigerlich dem Ende zu. Heute fallen die 70er, 60er und 50er Kilometermarken. Wir drei gehen noch einmal etwa 30 Kilometer, viel bergauf, viel bergab. Allen der Langzeitpilgernden geht es ähnlich – heute fällt der Start und auch das Wandern etwas schwer, teils körperlich, teils mental. Santiago zieht, aber die Begrenztheit bremst. Und die 750 km, oder auch nur 500, wenn man später gestartet ist, stecken in den Knochen und Knorpeln.

Aber der Camino überrascht uns erneut. Die Voralpenlandschaft mit ihren Milchkühen samt Glockengebimmel, Schafen, Maisfeldern und Pinien durchzieht langsam ein Duft nach frischem Atem. Wir sind im Eukalyptusland. Australien in Spanien!

Steckerlwald Galiziens

Sehr umstritten, wie wir aus Gesprächen und Internetforen erfahren, denn Eukalyptus ist für Waldbrand anfällig und verdrängt den einst florierenden Anbau von Korkeichen. Uns umweht aber phasenweise der Duft von Halsbonbons.

Gäb es hier Koalas, würden sie hier Laub fressen

Mittags um halb eins machen wir Rast, bei Salat! Nicht schon wieder Tortilla, Calamari oder Jambon-Bocadillo! Ein Weißwein-Deziliter dagegen geht schon, immerhin unser Frühstück. Da hören wir unüberhörbar deutsche Stimmen: „Egbert, Renate, hierher! Wir halten euch die Plätze jetzt schon so lange frei. Wenn ihr nicht gleich kommt, dann reservieren wir euch künftig nichts mehr!!!“

Drei Frauen jenseits der 65 platschen am Nachnarstisch auf, nachdem sie sämtliche Tische im Umkreis mit irgendwas belegt haben. Hätten sie Frottee-Strandtüchet zur Hand, wären sämtliche Stühle belegt worden. Schließlich ist man das von der Woche auf Malle oder auf der Aida so gewohnt. Egbert und Renate und etwa 25 weitere Brotbeutelträget*innen in Radlerhosen-ähnlichem Outfit in grellen Neinfarben und Stirnbändern biegen nacheinander um die Ecke und strömen in den Wirtsgarten der beschaulichen Herberge.

Lautstark lassen Sie sich nieder, die Kerle zücken ihre Spiegelreflexkamera, die Frauen zählen die Kalorien des spanischen Essens. Egbert übt noch einmal das neue spanische Wort des Tages: Dö-Na-Da. Erna klärt ihn auf: „Das heißt Nicht dafür!, kannst du aber auch als Bittegern! verwenden. Denada!“

Egbert würde gern Serrano-Schinken essen, aber er muss mit Renate teilen. „Nimm doch mal auch auf meine Bedürfnisse Rücksicht! Ich möchte gern Calamari!“ „Ich hätte ja lieber Serrano, aber wenn du möchtest, Ess ich auch Calamari…“ Später geht er bei andern aus der Gruppe Schinkenbetteln.

Es ist eine Gruppe aus Hildesheim, könnte aber auch aus Wanne-Eickel sein. Katholisches Pilgerbüro, alles vorgebucht und immer im sicheren Pulk der heimischen Gewohnheiten. Egbert wird heute Abend sicher nach Schnitzel fragen

Ich stehe auf, um am Tresen noch einen Cafe Americano zu bestellen, da entdeckt mich, rückkehrend zum Tisch, Erna: „Kannst du uns was auf deinem Dudelsack spielen?“ „???“ „Na mit deinem Schottenrock hast du doch bestimmt auch einen Dudelsack dabei. Den spielt man doch hier!“ Plärrendes Gelächter.

Zum ersten Mal auf dem Camino reagiere ich nicht freundlich und auch frei von Selbstironie: „Geht’s noch?“ und wende mich ohne Lächeln um. Ich hasse Distanzlosigkeit und plumpe Lärmerei. Und ich weiß, dass ich nie eine Pilgertruppe aus Wanne-Eickel oder sonst woher im Pulk begleiten werde. Das ist ein Weg, den man allein gehen muss. Und bei dem man respektiert, dass jede*r diesen Weg aus einem Grund geht, der sich erst erschließt, wenn man die eigene Komfort-Zone verlässt.

Iroschottischer Tag

Der erste Regentag seit Wochen. Regen ist zuviel gesagt, denn es ist lediglich ein Nieseln, aber das durchdringt auch alles.

Also heute ausnahmsweise kein spektakulärer Sonnenaufgang.

Ich zieh meine dunkle Straße…

Jetzt schaut es wirklich aus, als wäre Galicien ein Landkreis von Schottland oder läge in Irland. Grün, Schafe, kleine Steinhäuser.

Wir ziehen unserer Wege, die so schnell in ihrem Anforderungsprofil wechseln – mal lange Asphalt Passage glatt geradeaus, mal kurvig-steile Schotter Piste, mal finsterer Hohleeg, mal glatter Natur-Steintreppen-Sbstieg -, das wir auf den Gedanken kommen, dass die letzten 117 Kilometer des Weges mit Hilfe Hollywoods gestaltet sind. Eine Art Camino-Disneyland für die Freizeitpilger 😁. 5 Wochen zusammengestutzt auf vier, fünf Etappen. Selbst der Regentag entstammt der Special-Effects-Produktion, damit die Kurzzeitpilger auch ihre Regenponchos mal anlegen können. Wahrscheinlich ist das alles eine Art Truman-Show für amerikanische und südkoreanische Reisegruppen. Sie werden übrigens Teilpassagen mit dem Bus transportiert und ihr Gepäck reist Hotel zu Hotel. Nix 100-Stockbetten-Romantik…

Rucksack Transport, hierzulande ein krisensicheres Gewerbe
Einsteigen zur nächsten Etappe!
Da fällt keine HANDWÄSCHE an, wenn selbst die Abendgarderobe doppelt und dreifach bestückt ist

Aber die Blasen sind echt, bei allen. In der Albergue am Abend kommen die Brotbeutelpilger*innen humpelnd an, denn das Gehen ist echt, und durch die ersten Tage müssen wir am Ende alle durch. Mit manchen, gerade den älteren und den schwergewichtigeren Pilgernden, an denen wir mit echt gemeinte Buen Camino vorüberziehen, hat man echtes Mitgefühl, denn der Weg der letzten Tage fördert noch einmal Alles.

Jörg und ich brechen für knapp Kilometer aus und folgen einer Empfehlung des Reiseführers. Wir wandern auf einer einsamen – märchenhaften – Landstraße zu einer romanischen Kirche aus dem 12. Jahrhundert. OK, denken wir uns noch, haben wir jetzt eigentlich schon jede Menge gesehen. Aber der Camino überrascht uns auch noch nach 5 Wochen.

Apropos Märchenweg: eine Prinzessin muss wohl auch schon da gewesen sein. Als sich der von ihr geküsste Prinz als Frosch entpuppte, knallte sie ihn wohl unfreundlicherweise auf die steinige Straße. Armer Kerl.

Trauriges Ende eines Prinzen

Endlich im Weiler Vilar de Donas (je länger der Name umso kleiner der Ort) angekommen, steht eine kleine, normal scheinende romanische Kirche am Straßenrand. Verschlossen. Der Reiseführer schlägt vor, nach Jesus zu fragen (ist ja immer eine gute Idee). Wir klingeln also am Nschbarhaus, fühlen uns wie Zeugen Jehovas: wir sind zu zweit und fragen: kennen Sie Jesus persönlich?

Da kommt ein drahtiger kleiner Spanier um die Ecke – er ist es – winkt mit dem Schlüssel, weist uns an, vor dem Portal zu warten, bis er von innen das Tor aufsperren wird.

Wenn ich mit 91 Jahren noch mit Leidenschaft Kirchen aufsperren kann wie Jesus, dann muss was richtig gelaufen sein in meinem Leben

Und was sich dann auftut, ist wieder eines dieser Camino-Wunder, mit denen man nicht rechnet.

Weil es heute für das Schreiben schon spät ist (Pilgrim’s Mignight mit Bettruhe ist um 22 Uhr, ich schreibe eben kurz vor 11!), morgen mehr davon.

Iglesia de Vilar de Donas

So, nun also der Bericht von der wunderbaren Kirche in Vilar de Donas. Jesus ist 91 Jahre alt und eine Institution. Vor 48 Jahren, so höre ich aus seinen (VIELEN) Worten heraus, starb seine Frau. Aber nun steht er Tag für Tag bereit, den Umweg-Pilger*innen und den mit Taxi anreisenden Kunstinteressierten „seine“ Kirche zu zeigen. Das inszeniert er grandios, ausschließlich auf Spanisch, ein nichtspanisches Wort kommt ihm nicht über die stolzen Lippen. In der Hand hat er einen Zeigestab im Stil einer Teleskopantenne (gab es früher mal an Autos), mit dem er auf einzelne Gegenstände deutet. Schritt um Schritt führt er uns vom Portal bis zur Apsis der Kirche.

Schlicht und ergreifend

Der Bau ist im 12. An den Templerorden gegangen, geht aber bis auf die iroschottischen Mönche des 7 und 8. Jahunderts zurück. Ein Steinrelief am Eingang deutet auf Benediktinermönche hin, die hier Abendmahl feierten und missionierten, wie zuhause in Deutschland.

Irgendeine Verbindung besteht auch zu Karl dem Großen, aber das übersteigt meine Spanischkenntnisse. Die Kirche war immer etwas abseits, weshalb sie nie barockisiert, vergoldet oder zwangsrestauriert wurde. Deshalb sind selbst die Fresken im Chorraum so, wie sie im 11. Jahrhundert hingemalt wurden.

Sonne und Christus Pantkrator in der Apsis
Die Verkündigungssszene mit dem Licht des Ostens
Die Heilige Barbara, wäre ein hübsches Motiv für ein Tattoo bei Ehemännern und -frauen von Barbaras jeglicher Zeit

Eine der Fresken zeigt sogar, wie das heute allgegenwärtige Kreuzschwert der Tempelritter ursprünglich aussah. Alles original, nichts Disney, sondern der Hauch der Geschichte Europas, des Christentums, des Glaubens zwischen Sehnsucht nach Seelenerfahrung und Verlockung von Macht und Gewalt.

Kreuzsymbol, aber auch Schwert, gefasst von Ornamenten nach Maurenart.

Am Ausgang dann noch das Grab eines der Ritter, die den Pilger Weg und das Grab des heiligen Jakobus schützten. Mir ist ein wenig wie Indiana Jones zumute, nah am Heiligen Gral. Aber den habe ich ja schon gesehen 😊.

Grabrittergrab

Das allerschönste ist aber, dass die Kirche noch genutzt wird in dem kleinen Nest. Und so lebt sie, atmet, ist ein sakraler, kein musealet Ort. Und die EU tut das ihrige dazu, schießt sogar mal etwas über 8000 (acht tausend! Nicht Millionen!) dazu.

An alle Briten: wollt Ihr das wirklich alles aufgeben? Boris Johnson sollte man über den Jakobsweg schicken, mit nackten Füßen!!!

Jukebox

Nicht einmal mehr 100 Kilometer bis Santiago. Wie Duracell-Pilger schreiten Jörg und ich, zeitweise auch mit Judith, voran und passieren die magische Marke.

Einhundert, wen’s interessiert

Es ist fast müßig zu sagen, dass die Morgenstimmung erneut und wieder einmal völlig anders, anders spektakulär ist, mit Nebelschwaden, Pferdekoppeln, spanisch spät aktiven aber resolut krähenden Gockeln. Die Landschaft Galiciens überrascht mich wieder einmal – ich habe mir Spanien wirklich nicht so vorgestellt! Man glaubt sich in Cornwall, fruchtbar, vielfarbig, uralte Trockensteinmauern, Hecken, Weiden, Nebel.

Karotte dabei?

Ach ja, auch ein Nebelbogen ist wieder dabei. Ich staune mir den Auslösebutton am Handy kaputt.

Wirklich kein Spezialeffekt, ich schwör!

Die Anzahl der Pilgernden nimmt zwar deutlich zu und man sieht, wie enthusiastisch die Neuen dabei sind und wie wenig eingestellt auf die Wege sie wandern. Stefan prägt den bösen, aber zutreffenden Begriff Brotbeutel-Pilger, weil manche ein hochdünnes Stoffsäckchen auf dem Rücken tragen, in dem vielleicht ein Gesundheitsriegel Platz findet. Müesli-Riegel will ich mit Rücksicht auf meine Schweizer Freund*innen nicht sagen, das wäre unsittlich. Das Recht umfangreiche Gepäck der Brotzeitbeutel-Pilger*innen – Trolleys, Schalenkoffer undanderes Fluggepäck – wird mit Mercedes Sprintern vonStation zu Station gekarrt. Aber vor Blasen in zu lose geschnürten Sneakern oder Sandalen kann das nicht schützen und so humpeln manche Novizen heute Abend bereits etwas peinvoll durch den Duschbereich der Herberge. Dennoch: auch sie machen sich auf den Weg, jede*r aus eigener Motivation. Und es ist allemal besser als eine Ryanair-Woche auf Ibiza. Immerhin hat es auch den Effekt, dass die Anzahl der Herbergsbetten und deren Ausstattung deutlichen Aufschwung erfährt, ohne dass sich die Preise drastisch ändern (max. 10€). Den gestrigen Nachmittag verbringen wir am Pool bei Kaffee und Weißwein, Mickey und Tristan wagen gar einen Gin Tonic… Club Tropicana…

Dahoam frier’n die Leut‘

Das, was ich mir aber von der Seele schreiben muss, hat sich an den letzten Abenden entwickelt. Von Nathen hab ich schon oft erzählt, dem Profimusiker, Gitarrist und Sänger aus Vancouver, spiritueller Compagnon auf dem Camino. Er geht den Weg von Anfang an mit wechselnden Beschwerden und Entzündungen in Knie, Schienbein, Blasen, mit täglichen Dosen Ibuprofen, aber er geht. Morgens steht er meist um vier Uhr auf und stakst mit seinem Headlight los, langsam, wir überholen ihn irgendwann.

Jörg, Judith und Nathen

Nathen hat auf den Camino ein Instrument mitgenommen, eine Mischung aus Ukulele und Gitarre. Die ersten zwei, drei Wochen schleppt er es unausgepsckt, ungebraucht mit sich rum, wie ein Zusatz-Schneckenhaus und überlegt schon, es mit der Post nach Santiago vorauszuschicken. Aber er besinnt sich eines anderen und schleppt weiter. Unser Glück.

Pilgerleben kann so entbehrungsreich sein! Es blieb nicht bei der einen Flasche….

Zwei Abende hintereinander, jeweils nach dem Abendessen – Paella Pfanne in Triacastela, Pilgermenü in unserer Club-Herberge – setzen wir uns in wechselnder Zusammenstellung zusammen im Aufenthaltsraum der Herberge, prüfen die WLAN-Verbindung, sorgen für ausreichende und v. a. passende Getränke (eine Flasche Whiskey, Rotwein) etc. Nathen stimmt die Gitarre und stellt dann auf Jukebox-Modus. Was wollt ihr singen?

Er kann fast alles spielen, und was er nicht auf Anhieb kann (meist europäisches Zeug), lässt er sich kurz vorsingen/spielen und steigt dann ein. Und so ergibt sich eine Set-List, die von Frank Sinatra (Something stupid) über Judy Garland (Somewhere over the Rainbow in der neuen Version von Israel Kamakawiwo’ole) bis in den Beatles–und Rolling Stones-Katalog reicht. Das unvermeidliche Halleluja von Leonard Cohen. Hey Jude bringt die gesamte Herberge in Na Na Na Nananna-Schwung. Wir werden immer mutiger: American Pie von Don Mc Clean, Queen’s Fat Bottomed Girls, Fleetwood Mac, 500 Miles, Marvin Gayes What’s Going On.

Wir alle singen mit, auch wenn wir alles andere als die Fischer-Chöre sind. Wir krächzen, singen daneben, aber es ist egal. Dank Internet haben wir alle Texte vor uns wie mit der Mundorgel. Manche Texte nehmen wir zum ersten Mal wirklich wahr und verstehen sie ganz neu. What’s going on ist Sozialkritik pur. The Greatest Love of all bringt uns nicht nur stimmlich an die Grenze des Erträglichen. One von U2, das Nathen schon einmal früher gesungen hat, hängt uns Tage lang in den Ohren. Selbst Bryan Adams und Celine Dion sind dabei, als Zugeständnis an Tristan, den Quebequois.

Spezial-Session

Nathens Leidenschaft ist es, die Menschen zum Singen zu animieren, Vertrauen in die eigene Stimme und Leidenschaft zu wecken – und einen Einblick in ihren privaten Song-Katalog zu finden. Und wie sich zeigt, ist das ein Thema der Abgründe. Aber diskret genug ist er auch. Gestern Nachmittag ruft er Judith, Jörg und mich und sagt, dass wir jetzt nicht dearten sollten. Let’s sing together.

Judith wünscht sich „Tears in Heaven“ von Eric Clapton. Das hätte sich ihre Mutter gewünscht für ihre Beerdigung vor wenigen Jahren. Somewhere over the rainbow war beim Ehe-Erneuerungs-Gottesdienst von Jörg und seiner Frau erklungen. Mich hatte Nathen um eine kleine Set-List meiner Lieder gebeten, davon spielt er Johnny Cash’s Hurt und Elton John’s Don’t let the sun go down on me. Mit und in Liedern sind unsere Leben verwoben und Nathen, mit seiner glockenklaren Stimme ruft all das ab.

Am vorgestrigen Abend frage ich ihn zuletzt: Was möchtest du eigentlich singen. Er ist genuin überrascht, spielt und singt ein schönes Lied. Gestern Nachmittag aber dreht er sich zu mir und sagt: ich hätte ein anderes Lied singen sollen, und das singe ich jetzt für dich. Ich höre nur noch die Worte ‚you have been bruised, too“ und Love, und verliere mich in der Musik vor einer traumhaften Kulisse.

If a song could change your life…

Nathen schickt mir eben den Link zu seinem Lied auf SoundCloud. https://m.soundcloud.com/nathen-aswell/to-love

Und der Text ist wie folgt:

in this time and in this place
is the grace to love
with these hands and with this heart
i can start to love

to love – to love – to love

i’ve been bruised and i’ve been burned
still i yearn to love
so i’ll forgive and i’ll forget
pay my debt to love

to love – to love – to love

because love is all there is
ever was and will be

i may win and i may lose
still i’ll choose to love
i may stand and i may fall
still i – i will give all to love

to love – to love – to love – to love

Der Titel stammt von seiner CD „Yes“

Nachtrag zwei Abende später

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